Wie die Raben

cc: Sergey Yeliseev
cc: Sergey Yeliseev

Alle Spinde voll. Hinten in der Ecke steckt noch ein Schlüssel. Glück gehabt. Schnell die Sachen eingeschlossen und auf geht die Suche nach einem Platz für den Tag. Die Bibliothek platzt aus allen Nähten. Langsam und leise schleicht man die Gänge entlang. Von den regulären Kriterien hat man sich während der Prüfungsphase schon alnge verabschiedet (möglichst hell, Panoramaaussicht auf die Berge, einen Tisch für sich alleine und neben der Heizung). Man nimmt, was man bekommt. Schließlich plaziert man sich, wo es eben möglich ist und los geht die Arbeit. Zwischendurch trifft man sich ratzfatz auf einen Tee in der Cafeteria, schließt dazu maximal den Laptop weg. Zurück am Platz fällt man aus allen Wolken, weil was fehlt.

Ich glaube, dass es keinen Ort gibt an dem sich die Menschen so heimisch fühlen, die Umsitzenden als Verbündete und Leidensgenossen wahrnehmen und dann so enttäuscht werden. Immer wieder stehe ich an der Ampel und lese dort enttäuschungversprühende Texten von Bestohlenen, die ihrem Ärger Luft machen. Vielleicht ist es naiv seine Sachen offen liegen zu lassen. Aber der Füller, den man schon seit der Grundschule besitzt, hat für andere ja kaum einen Wert – trotzdem nimmt ihn jemand mit. Einem Freund von mir wurde die Brille vom Platz entwendet, als er auf dem Klo war. Einem anderen eine Konzertkarte, die in seinem Kalender steckte. Die Dreistigkeit kennt keine Grenzen. Aber wer zum Henker möchte wie ein Paranoider immer sein ganzes Zeug mitschleppen, weil er für 5 Minuten eine Zigarettenpause einlegen möchte?

Vor 2 Tagen setzt sich ein Mädchen an den Tisch vor mir. Sie beginnt hektisch die Bücher auf ihrem Platz von links nach rechts und wieder zurück zu stapeln. Irgendwann wendet sie sich entsetzt an alle Umsitzenden, ob hier jemand ein Buch genommen hätte. Ich überlege kurz. Ein Typ war da. Er ging die Bücher durch, schlug eins auf. Las einen Moment, klappte es zu und verschwand zwischen den Regalen. Ich dachte – eigentlich absolut nichts. Mir war nicht mal aufgefallen, dass an dem Tisch vorher ein Mädchen gesessen hatte. Das Buch was fehlte, war nicht aus der Bib, sondern ihr eigenes und ungefähr 80 Euro wert.

Einer Freundin von mir wurde im vergangenen Jahr ein Ordner mit den Aufzeichnungen des gesamten Semesters geklaut – 2 Wochen vor den Prüfungen. Sie studiert Jura. Da fällt mir ehrlich gesagt nicht mehr viel zu ein.

Ich will mich hier wie zu Hause fühlen können, die Schuhe von den Füßen streifen, zwischen den Regalen stöbern und nicht die ganze Zeit panisch zu meinem Stapel Habseligkeiten starren zu müssen.

 

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