Nachbarskinder

so nah und doch so fern: meine Nachbarn

Das Haus in dem ich wohne, ist sehr alt. Es knarzt und kracht. Die Mädels in der WG über mir scheinen manchmal Rollschuh zu laufen. Mein Mitbwohner hat einen neuen Fernseher mit Dolby Surround Megabooster Boxen (die benutzt er aber zum Glück nur zu bestimmten Anlässen) und meine Mitbewohnerin hört ständig Musik (das habe ich aber schon einmal erwähnt). Ganz oben in unserem Haus wohnen dann noch Olli und sein Mitbewohner, ein Typ mit einem Kindergesicht, dessen Namen ich mit nicht merken kann. Sehr entspannte Zeitgenossen. Der eine geht auf die 60 zu, ist Musiker, hat immer deutlich jüngere Freundinnen und verbringt die Winter im Ausland. Der andere ist ein ehemaliges Waldorfkind, studiert im ersten Semester, kauft nur Bioprodukte, kann aber keinen Müll trennen.

Im Hinterhaus wohnen auch einige Parteien, ich kenne aber nur einen: Der ist Journalist, immer in der Stadt unterwegs, raucht seit gefühlten 40 Jahren Kette und hat sehr schöne Pflanzen im Fenster stehen.

Schräg unter mit wohnt einer, der heißt Hans. Das weiß ich, weil ich immer mal ein Paket für ihn annehme. Hans ist vielleicht Mitte 20. Ich beneide ihn um seine Wohnung. Die hat einen fantastischen Single-Schnitt. Was wirklich ätzend sein muss, ist, dass an seinem Schlafzimmerfenster die Außentreppe fürs Hinterhaus langgeht und, dass er sogar bei strahlendem Sonnenschein maximal 10 Lux in seiner Wohnung haben kann. WIR WOHNEN IN EINER ENGEN GASSE!

Das führt mich zu meinem eigentlichen Thema: Die Menschen, die quasi in meinem Zimmer wohnen. Wahscheinlich kennen sie mehr persönliche Details als ihnen lieb ist – unsere Fenster trennen ungefähr 5 Meter. In dem Haus werden möbilierte Appartments angeboten. Sie müssen horendteuer sein, dafür versprühen sie aber den Charme einer modenen Jugendherberge. Zumindest würde ich das von hier drüben so beschreiben. Der Typ auf dessen Balkon ich fast spucken kann, kocht nie. Das weiß ich, weil seine Küche an mein Bett grenzt. Wochenlang habe ich spekuliert, was die Kamera auf dem Stativ in seinem Fenster zu bedeuten hat, bis ich ihn eines Tages mit seinen Freunden rauchend auf dem Balkon zur Rede stellen konnte: Es handelte sich nicht um ein Kamerastativ – nein: es ist eins für Fahrräder! Jemand der sein Fahrrad in der Küche monitert, kann nicht oft kochen (außerdem brennt dort nie Licht). Vermutlich würde ich ihn auf der Straße nie erkennen, er mich wohl auch nicht. Aber ich weiß wann er ins Bett geht, er weiß wann ich feiern war (dann hängen meine Klamotten auf Bügeln draußen am Fensterbrett) und ich weiß, dass er selten Besuch hat, dafür aber viel fern sieht. Ich vermute auch, dass er meinen Lüftzwang skeptisch beobachtet.

Unter ihm ist gerade jemand neues eingezogen. Vorher hat dort ein Typ gewohnt, dessen asiatische Freundin abends immer vorbeikam. Dann haben sie ziemlich schön den Tisch gedeckt, zusammen gegessen und später gelesen. Jetzt wohnt dort ein Single-Asiate. Eigentlich hoffe ich, dass es mindestens 5 sind. (Die Fenster wurden länger nicht geputzt, darum weiß ich es nicht sicher.) Denn sollte es einer sein, schläft er nie. Egal, wann ich am Fenster vorbeikomme (und das ist wegen des Lüftzwnges doch recht häufig), sitzt er am ehemals romatisch-konotierten Küchentisch und hämmert irgendwas in seinen Laptop. Er sitzt da unter dieser halbrunden Deckenleuchte, die mit Behaglichkeit soviel zu tun hat wie ein (hier setzen bitte alle etwas Kreatives ein. Mir ist gerade aufgefallen, dass anti-assoziaieren ziemlich schwierig ist). Beim Essen habe ich ihn noch nie gesehen, immerhin hatte er aber gestern einen Lachanfall vor seinem Laptop.

Das klingt ein bisschen so, als würde ich meine Nachbarn ausstalken, was nur bedingt stimmt. Jedenfalls bin ich aber meiner Mutter dankbar, dass ich in einem recht transparenten Haus aufgewachsen bin und mir darum heute ein großer Teil an Hemmung meinen Nachbarn gegenüber fehlt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Nachbarskinder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s