Was bleibt?

Meine Mutter erzählt öfter die Geschichte, wie sie als Kind in einer Fotokiste kramt und auf einmal ein recht altes Bild hervorzieht. Auf ihm sind zwei Menschen abgebildet: Ihre Großeltern. Der Fund lässt sie erschaudern. „Oh nein, jetzt war mein Opa auch noch Hitler!“, schießt es ihr durch den Kopf, als sie den Mann mit dem kleinen Bart auf der Oberlippe betrachtet. Sie versteckte das Foto unter den anderen und tat so als hätte es die Situation nie gegeben.
Dass Hitler nicht zu meine Vorfahren gehört, muss ich hier noch einmal ausdrücklich betonen. Doch wer waren sie? Und was weiß ich über sie? Die Eltern meiner Mutter sind schon lange tot, fragen kann ich sie also nichts mehr.
Vor einer ähnlichen Situation stand auch Arnon Goldfinger, als er begann den Dokumentarfilm „Die Wohnung“ zu drehen. Seine Großmutter war verstorben. Goldfinger und seine Familie begannen die Wohnung leerzuräumen und er sah sich vor einem großen Haufen offener Fragen. Die Großeltern hatten sich nach der Emigration während der NS-Zeit in Tel Aviv in ihren vier Wänden ein kleines Berlin aufgebaut. Sie waren nie wirklich heimisch geworden. Goldfinger findet Briefe und Fotos und beginnt zu forschen. Er macht eine Entdeckung, die ihn ratlos macht: Offenbar waren die Großeltern mit einem Mann namens Leopold von Mildenstein und dessen Frau befreundet. Von Mildenstein war, wie Goldfinger während seiner Recherche erfährt, Vorgänger von Eichmann, zugleich aber ein glühender Zionist.
Er fährt nach Wuppertal um Mildensteins Tochter zu treffen, sucht Akten im Bundesarchiv und rekonstruiert so Stück für Stück die Geschichte seiner Vorfahren.
Der Film bebildert ein typisches Problem (jüdischer) Familien nach dem 2. Weltkrieg: Die Stille zwischen erster und zweiter Generation. Goldfinger versucht seine Mutter zu verstehen, die ihre Eltern nie nach der Flucht, der Zeit davor oder danach gefragt hat. Es erfüllt ihn mit Trauer, dass all das einfach verloren geht. Für den Zuschauer stellt der Film damit aber eine große Chance dar: Das Bewusst-Werden des Problems.
Der Film, der in Israel ein absoluter Überraschungserfolg wurde, ist am 14. Dezember 2012 in Deutschland auf DVD erschienen.

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