Saint-Babel

Über der Straße wehten kleine Wimpel an Girlanden im heißen Wind. Blau-weiß-rot warfen sie zappelnde Schatten auf den Asphalt. Im Staub hüpfend pickten einige Spatzen Brotkrumen auf und stoben jedes Mal auseinander, wenn die Kellnerin zur vollen Terasse des einzigen Restaurantsim Ort lief. Unter den Platanen wurde neben kühlenden Gertänken und belebendem Kaffee auch Salate, Steaks und Fischspieße von den Gästen geordert. An einem Tisch spielten zwei alte Männer Schach, der eine in hellblauen Hemd, ohne Haare, aber einem gepflegten Dreitagebart, sein Gegenüber mit schlohweißem Schopf und runder Brille. Die Dame des Bärtigen stand bedrohlich, nur getrennt durch einen einsamen Bauern, zum König des anderen. Dieser hob die Hand, um mit gedankenverlorenem Blick die Kellnerin heranzuholen und sich erneut ein Glas Pastis zu bestellen.

Die Spatzen wurden durch ein versehentlich fallen gelassenes Stück Brot in helle Aufruhr versetzt, rissen von allen Seiten viel zu große Brocken ab, um etwas abseits den Fang zu genießen.

Ein Postbote zog langsam mit Paketen und Briefen von Menschen vorbei, die von der Begebenheit keinerlei Notiz nehmen werden, und bog an der nächsten Kreuzung nach links in die Rue du Verdun.

Der Bauer fiel der Dame zum Opfer und sie trieb dem König die Todesangst ins Gesicht: Schach. Die Kellnerin nahm den Lappen, um die frei gewordenen Tische von Soße und Wasserrändern zu befreien, die sich auf den Wachstuchdecken zum Sonnenblumenmuster gesellt hatten. Eine Kinderhand ballte sich zur Faust, nur der Zeigefinger blieb gestreckt, um vorsichtig auf den Rücken der Kellnerin zu tippen. Die Spatzen waren satt, wohnten der Situation trotzdem noch ein bisschen bei. Die Dame funkelte den König immer noch an. Am Pastisglas des Alten bildete sich Schwitzwasser als der Kleine zum zweiten Mal, jetzt laut und so klar er konnte auf Deutsch sagte: „Wir wollen bezahlen!“ Die Kellnerin wiederholte kopfschüttelnd und ohne ein einziges Wort zu verstehen was der Junge gesagt hatte. Dieser blickte sie verständnislos zurück an, doch sein Unverständnis rührte von der Unwissenheit des Turmbaus zu Babel. Nachdenklich guckte der Junge zu Boden bevor er all seinen Mut und seine Stimmgewalt zusammennahm und fast schreiend an die Kellnerin gewandt wiederholte: „WIR WOLLEN BEZAHLEN!“

Der König schlug hart mit Kopf und Krone auf das Spielbrett. Die Spatzen suchten das Weite, die Kellnerin schüttelte resigniert den Lappen aus, während der Junge mit gesenktem Kopf den Weg zum Tisch seiner Eltern einschlug und langsam eine Idee davon bekam, dass Menschen nicht nur akustische Verständnisschwierigkeiten haben konnten.

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