16 Gramm – direkt in die Fresse

Die Poetry-Slam-Landesmeisterschaft Thüringen fand am 29. Juli im restlos ausverkauften Kassablanca statt. Nachdem sich die U20-Teilnehmerin Frances Luhn für die Deutschen Meisterschaften qualifizierte, konnte in der Gruppe der Profis Andreas in der Au, in der Szene als Aida bekannt, das Rennen für sich entscheiden. Der in seinem anderen Leben als Steuerberater tätige Slammer spach direkt nach dem Sieg mit mir über die Macht des schnellen Feedbacks, den Fluch von Tübingen und warum 16 Gramm einen derben Schlag in die Fresse bedeuten können.

Kannst du dich im Poetry-Slam-Stil vorstellen?
Ich bin nicht gerade der Freestyler, aber ich erzähle einfach so etwas über mich. Mein Künstlername ist AIDA: Ein Akronym von Andreas in der Au, wie das Schiff, wie die Oper von Giuseppe Verdi, wie eine Antibabypille, wie eine Rennstrecke.

Als Poetry-Slammer kannst du nicht freestylen?
Nein. Ich habe das versucht. Ich beneide die, die es können. Mir fallen dann nur Reime wie Haus, Maus oder sein, fein und klein ein.

Du hast im Finale einen sehr traurigen Text über die Krebserkrankung deines Vaters und dessen Tod vorgetragen.
Mich hat es überrascht, dass ich damit gewonnen habe. Die anderen Slammer haben es zum Teil erwartet, aber am Ende entscheidet das Publikum und man weiß nie, was es im jeweiligen Moment lieber hören will. Da ist man auch mal schnell raus.

Kannst du die beiden Texte des heutigen Abends jeweils in einem Satz zusammenfassen?
(Überlegt lange.) Den Baletttext wollte ich unbedingt machen, weil es mir Spaß macht dabei zu tanzen und dem Publikum in der Regel dabei zuzusehen. Den Papa-Text habe ich für mich vorgetragen.

Kann man grundsätzlich sagen, dass es mit lustigen Texten leichter ist zu gewinnen?
Wenn ich einen lustigen Text vortrage, dann weiß ich sofort, ob er ankommt. Bei traurigen Texten ist das Feedback nicht so unmittelbar. Da trägst du etwas vor und am Ende erfährst du, ob es den Leuten gefallen hat. Du merkst ja nicht, wenn sie in der Mitte weghören. Wenn etwas lustig ist, lachen sie sofort. Wenn du eine Pause nach einer vermeintlich witzigen Stelle einbaust und dann ist es ruhig, ist dir klar, dass es nicht läuft. Das ist vielleicht ein Vorteil von lustigen Texten. Außerdem steckt lachen an.

Also platzierst du deine Freunde im Publikum, damit sie für Stimmung sorgen.
Lacht. Ich hatte heute nur drei Leute dabei, die können kaum 550 Leute mitreißen.

Bist du mal richtig vor Publikum baden gegangen?
Oh ja! In Stuttgart habe ich einen Text vorgetragen, mit dem ich am Vorabend in Kaiserslautern gewonnen habe. Das Publikum hat mit kleinen Gewichten abgestimmt. Alle anderen Slammer hatten im Schnitt 400, 500 Gramm in ihren Schüsseln, ich hatte genau 16! Das ist ein Schlag in die Fresse.
In Tübingen hatten die Zuschauer Karten und konnten die für den Favoriten hochhalten. Und kein einziger hat sich für mich entschieden. Das passierte dort noch einmal und noch einmal. Die wollten mich alle kein zweites Mal sehen. Diese Stadt war wie ein Fluch für mich – ich habe da immer wieder verloren. Doch dann kam ein Sieg und der Fluch ist damit endlich gebrochen.
Das geht schon ans Ego. Aber man lernt damit umzugehen.

Wie bist du zum Slammen gekommen?
Das war in Marburg. Ich war auf der Beerdigung eines Arbeitskollegen von mir. Danach habe ich meine Schwester besucht und die hat mich zu einem Poetry Slam mitgenommen. Ich war total verheult und fertig, hatte noch meinen schwarzen Anzug an. Im Publikum saßen lustige Studentinnen mit angemalten Katzenbärten neben mir.
Auf der Bühne standen Slammer und die haben meine Tränen der Trauer in Freudentränen verwandelt. Dann bin ich über ein halbes Jahr zu solchen Veranstaltungen gegangen und habe es genossen, habe gefeiert und gebrüllt. Ein befreundeter Slammer stand auf der Bühne und hat gemeint: „Ey Andreas, wenn du im Publikum so eine große Fresse hast, dann komm hier hoch und mach selber was.“ Das hab ich dann auch gemacht und bin natürlich in der Vorrunde rausgeflogen, wie die weiteren 38 Mal danach. Ich war einfach ganz, ganz schlecht. (Kichert)
Trotzdem bin ich danach immer wieder aufgetreten. Ich habe so ziemlich viele Leute kennengelernt, viel getrunken, viel gefeiert. Da ist mir wohl ein Ruf vorausgeeilt. Dass ich immer wieder eingeladen wurde, lag anfangs bestimmt nicht an den Texten.

Weißt du schon welchen Text du bei den Deutschen Meisterschaften vortragen willst?
Ich war ja schon 2011 in Hamburg dabei. Dort habe ich einen Text vorgetragen, in dem ich Musicals mit Rap vergleiche. Den darf ich in diesem Rahmen nicht noch einmal präsentieren. Grundsätzlich kann man seine Texte ja immer wieder verwerten, aber dort darf alles nur einmal vorgetragen werden. Außerdem bin ich damit damals in der Vorrunde ausgeschieden – der Klassiker bei mir!
Ich weiß es jetzt einfach noch nicht. Außerdem mache ich das auch immer von meiner aktuellen Stimmung abhängig.
Es kommt außerdem auf das Publikum an. Wenn ich älteren Menschen den Musicaltext vortrage, können die damit nicht so viel anfangen, da muss man gucken.

Was zeichnet dich als Slammer aus?
Ich habe mir eine Nische gesucht, mache viel Performance. Ich hüpfe, tanze und singe. Und deswegen werde ich eingeladen. Dafür versuche ich auch die meisten Texte auswendig zu lernen, so kann ich besser mit dem Publikum spielen. Das liebe ich!

Viel Glück für die Deutschen Meisterschaften und Danke für das Gespräch!

(Das Interview habe ich für die Studentenzeitung Akrützel aus Jena geführt – falls ihr es noch mal dort lesen wollt: http://www.akruetzel.de)

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